Ehe für alle: Wie weiter nach dem Ja?

Was sich in der Kirche aber klar verändert hat, ist die Stimmung. Es gibt jetzt Lager und Fronten. Es gibt rund 200 hüben, und es gibt rund 450 drüben. Es gibt viele, die zur Frage der Ehe für alle eine klare Position haben, ohne dass sie eines der Dokumente unterschrieben haben. Vielleicht gibt es auch noch ein paar Kolleginnen und Kollegen, die noch abwägen und sich nicht klar positionieren können.

Wenn die Diskussionen im gleichen Stil weiterlaufen, wie in den letzten paar Wochen, wird das nur zur Verhärtung der Fronten führen. Es besteht das Risiko, dass es in den verschiedenen Kantonalkirchen zu lauter Zweiten Kappeler Kriegen kommt mit desaströsen Folgen für die Kirche. ICH WILL DAS NICHT! Und ich glaube noch daran, dass es bessere Wege gibt. Ich hoffe noch auf eine Milchsuppe. Und hier ist das Rezept dazu, soweit mein heutiger Stand des Irrtums das überblicken kann.

Was es für die weitere Diskussion NICHT braucht:

Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig von der Richtigkeit der eigenen Position und der Verkehrtheit der anderen Position überzeugen wollen. Ich bin für die Öffnung der Ehe für alle, und niemand wird mich umstimmen können. Die Argumente hüben und drüben liegen auf dem Tisch. Wesentlich neue wird es nicht geben.

Ja, ich habe auch ausgeteilt. Ich gehöre zu den 450 von drüben, die das Dokument «Die Liebe hat den langen Atem» mitunterzeichnet haben. Ich verantworte also diese Erklärung mit, die sich formal an die Barmer Erklärung anlehnt, die so einen status confessionis heraufbeschwört, der weit weg von angebracht ist, und der mit den «Wir verwerfen…»-Formulierungen viel zur Verhärtung der Frontstellung und wenig zu einem echten Dialog beiträgt. Ich habe nicht wegen, sondern trotz dieser Eigenschaften des Dokuments unterschrieben. Weil ich das Anliegen teile, weil ich der Überzeugung bin, dass die Liebe das leitende Prinzip für unser kirchliches und menschliches Handeln sein muss, und im Zweifelsfall die Liebe höher zu gewichten ist als der Buchstabe der Schrift. Und weil ich wollte, dass die Abgeordnetenversammlung Kenntnis davon erhält, dass es nicht nur die Unterzeichnenden des Dokuments «Habt ihr nicht gelesen…?» gibt. Darm musste es schnell gehen, darum meine Unterschrift.

In der Fortsetzung der Diskussion braucht es keine weiteren Unterschriftensammlungen mehr. Es braucht keine neuen Papiere, die altbekannte Positionen markieren und zementieren. Wir müssen jetzt einen nächsten Schritt gehen.

Worüber wir reden müssen

Was es jetzt braucht, ist ein Gespräch über die Frage:

Wie können wir weiterhin gemeinsam Kirche sein?

Ist es möglich, dass eine Pfarrerin ein schwules Paar traut, dass dies ihrem Kollegen in der Nachbargemeinde (oder gar in derselben Gemeinde) ein Gräuel ist, und dass dennoch beide in gegenseitigem Respekt ihren Dienst in der Kirche tun? Ohne, dass sie sich gegenseitig das Christsein absprechen, oder die Treue zur Heiligen Schrift? Oder die Begabtheit mit Vernunft? Wie viel Differenz verträgt es bei der Grundeinstellung zur Bibel? Wie viel gemeinsamer Boden ist unerlässlich, um in aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit gemeinsam das Evangelium Jesu Christi verkünden zu können?

Ich meine, es braucht vielleicht nicht zwingend eine breite inhaltliche Einigung. Was es aber braucht, ist eine Gesprächsgrundlage und eine Gesprächskultur. Es gibt Streit, ja. Und es soll gestritten werden können. Aber so, dass wir uns dabei ansehen. So, dass wir einander zuhören. So, dass wir versuchen zu verstehen, warum die andere so denkt, wie sie denkt, und nicht so, wie ich.

Ich weiss nicht, ob so etwas gelingen kann. Ich merke bei mir selbst, wie schwierig es ist. Ich bin nämlich ziemlich überzeugt davon, dass ich die Dinge richtig sehe. Es fällt mir schwer, gewisse Positionen über die Autorität der Bibel als irrtumsfreies Wort Gottes nachzuvollziehen. Weil ich beim Lesen der Bibel zu viele Unklarheiten und Widersprüche und ja, auch Irrtümer sehe. Und es wird niemandem gelingen, mich von einer anderen Sichtweise zu überzeugen. Ich muss mich wirklich fragen, wie ich damit klarkomme, dass es etliche Kolleginnen und Kollegen gibt, die eine völlig andere Grundeinstellung zur Bibel haben.
Und jene anderen müssen sich fragen, wie sie mit mir umgehen können oder wollen. Könnt ihr, die ihr die Bibel für das Irrtumsfreie Wort Gottes und darum oberste Autorität anseht, damit umgehen, dass ich das anders sehe und dennoch überzeugter Christ bin, und leidenschaftlicher Pfarrer, der die Bibel liebt und Gott liebt und zumindest ehrlich bemüht ist, auch die Menschen zu lieben?

Denn da wäre meine Grenze: Ich könnte schlecht mit Kolleginnen und Kollegen in derselben Kirche denselben Dienst tun, wenn jene mir die Legitimation für diesen Dienst insgeheim oder offen absprechen, mich nicht als Bruder im Glauben sehen.

Darüber müssen wir reden. Wir müssen uns zusammenraufen und uns finden und uns einigen, dass wir gemeinsam Kirche sind und sein wollen.

Offener Brief an die SEK-Abgeordnetenversammlung

In der SRF-Rundschau am 23. Oktober 2019 wurde über die Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern Berichtet, die eine Erklärung gegen die Einführung der Ehe für alle abgegeben haben. In meinem Beitrag “Ich habe wohl gelesen” auf diesem Blog habe ich diese Erklärung ausführlich behandelt.

Schon am Tag nach dem Rundschau-Beitrag hatte ich einen persönlichen offenen Brief an die Delegierten des SEK geschrieben und dem Büro der DV zugestellt. Den Inhalt des Briefes habe ich zuerst nur auf facebook gepostet. Für die bessere Auffindbarkeit für Interessierte veröffentliche ich den Wortlaut auch noch mal hier.

Ehe für alle, Ermutigung zur Öffnung; offener Brief

Sehr geehrter Herr Präsident Pierre de Salis
Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete

In den vergangenen Tagen liessen sich etliche Pfarrerinnen und vor allem Pfarrer deutlich vernehmen, die sich ablehnend zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare äussern. Es ist mir ein Anliegen, dass nicht nur diese Stimmen gehört werden. Darum gelange ich kurz vor Ihrer Versammlung am 4. und 5. November mit diesem Schreiben an Sie.

Die Empfehlung des Rates des SEK, die kirchliche Trauung für (zivil getraute) gleichgeschlecht­liche Paare zu öffnen, finde ich richtig. Ich sehe darin keinen Bruch mit einer alten Tradition, sondern einen jetzt fälligen nächsten Schritt auf einem fortwährenden Lernweg, auf dem sich die Kirche und schon davor das von Gott erwählte Volk seit den Anfängen bewegt.

Die Kirche hat in der Vergangenheit gegenüber nicht normativ-heterosexuell liebenden Menschen schwere Fehler begangen und aufgrund weniger Buchstaben der Heiligen Schrift Ausgrenzung und Diskriminierung praktiziert, dem Hass Vorschub geleistet und so das Liebesgebot der Bibel verraten. Heute haben wir die Gelegenheit, aus den vergangenen Fehlern und der immer wieder neu gehörten befreienden Liebesbotschaft der Heiligen Schrift zu lernen und einen besseren Weg einzuschlagen im Umgang mit unseren Mitmenschen.

In Ihrer letzten Versammlung im Juni 2019 haben Sie die Wirklichkeit der unterschiedlichen sexuellen Orientierungen als Ausdruck der geschöpflichen Fülle erkannt. Ich ermuntere Sie, auf diesem eingeschlagenen Weg nun den konsequenten nächsten Schritt zu gehen. Einem Liebespaar, egal welchen Geschlechts, das sich für ein verbindliches Zusammenleben in gegenseitiger Verantwortung entscheidet und dafür den Segen Gottes erbittet, soll dieser Segen nicht durch Menschen und erst recht nicht durch die Kirche verweigert werden. Ist eine solche Liebe nicht vielmehr Anlass zum Feiern, für die Liebenden, deren Familien und die Kirche?

Ich danke Ihnen für Ihren verantwortungsvollen Dienst als Abgeordnete im Kirchenbund. Und ich wünsche Ihnen eine segensreiche Versammlung.

Freundliche Grüsse
Matthijs van Zwieten de Blom
Pfarrer in der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Rein (AG)

Ich habe wohl gelesen!

Replik an die Unterzeichnenden der Erklärung
Habt ihr nicht gelesen…? – Erklärung zur “Ehe für alle” in der Kirche
vom Oktober 2019, siehe Link.
Die Zwischentitel orientieren sich an der Gliederung des Dokuments, auf das ich mich hier beziehe.

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Ihr beabsichtigt einen «offenen Diskurs innerhalb der Kirche im Bestreben um Einheit.» Den offenen Diskurs könnt ihr, was mich angeht, haben. Das mit der Einheit sehe ich gerade von eurer Seite infrage gestellt. Solange aber noch gerungen und gestritten wird, gibt es die Hoffnung, dass ein gemeinsames Unterwegssein als Kirche weiterhin möglich ist. Versteht meinen Text als Beitrag in diesem von euch beabsichtigten Diskurs.

Ihr schreibt, dass ihr bereit seid, euch durch das Zeugnis der Heiligen Schrift und durch Gründe der Vernunft korrigieren zu lassen. Ich stelle mich nicht auf den Standpunkt, das Subjekt irgendeiner Korrekturwirkung an euch sein zu können. Ich stehe an derselben Seite der Offenbarung (nämlich auf der empfangenden), und um die Vernunft muss ich mich bemühen wie ihr. Die Einsicht muss in jedem selbst erwachsen, und die Korrektur an der eigenen Haltung hat jeder selbst zu verantworten.

Ich will also nicht euch korrigieren, wohl aber will hier schreiben, was ich anders sehe als ihr. Ich will das mit meinem Blick auf die Heilige Schrift tun, und ich bemühe mich um eine vernunftbasierte Argumentation. Ich kann aber nicht versprechen, dass es nicht auch emotional wird. Ich bin ein menschliches Geschöpf, und es geht hier um eine Sache, die mich als Mensch sehr unmittelbar angeht. Es geht um die Liebe, es geht um Sex und es geht um den Glauben an Christus. Da kann es schon mal leidenschaftlich werden. Gehen wir’s an.

Radikaler Bruch

Ihr seht im Vorschlag des SEK-Rates und verschiedener kantonalkirchlicher Exekutivbehörden einen «radikalen Bruch mit der jüdisch-christlichen Tradition und der Gemeinschaft aller Konfessionen zu allen Zeiten und an allen Orten». Ich sehe keinen Bruch. Ich sehe die Frucht eines langen Lernweges, auf dem wir uns als christliche Kirche seit den Anfängen immer befunden haben. Und wenn wir ernsthaft die jüdische Tradition in unser Denken und Glauben miteinbeziehen wollen, dann könnte sich das gerade in einer ausgeprägten Kultur des Lernens manifestieren. Wir (bzw. die von euch kritisierten Verantwortlichen in den Kirchenleitungen) haben gelernt, dass es falsch war, wie die Kirche in der Vergangenheit mit nicht-normativ-heterosexuell liebenden Menschen umgegangen ist. Und in der festen Überzeugung (meine feste Überzeugung ist es jedenfalls), dass Jesus seine Liebe und Zuwendung nicht von der sexuellen Orientierung abhängig macht, verweigern wir den Liebenden nicht länger den Segen, um den sie bitten.

Kirche nicht über der Schrift

Ihr seht offenbar in der Öffnung der Trauung für nicht-heterosexuelle Norm-Paare einen Entscheid, der nicht auf der Grundlage der Heiligen Schrift gemacht wurde. Und ihr seht darum das Existenzrecht – ihr sagt «Legitimation» – der Kirche als verloren. Dagegen halte ich fest: Die Legitimation der Kirche beruht nicht auf den Beschlüssen ihrer Leitung, sondern auf der Gnade, auf der Berufung und auf der Mission Jesu Christi. Und er, Jesus Christus, das lebendige Wort Gottes, ist es auch, dem die Kirche zu folgen hat. Das Hören auf Gottes Wort ist ein fortwährender Interpretations- und (schon wieder) Lernprozess. Wir sind berufen, um frei zu entscheiden und diese Entscheidungen vor uns selbst, vor den Menschen – insbesondere, wenn wir bestimmte Ämter ausüben – und vor Gott zu verantworten. Wir können diese Freiheit leugnen und uns vor der Verantwortung drücken und uns bequem hinter irgendwelchen Buchstaben der Bibel verkriechen und das als besondere Gottestreue deklarieren. Dann werden die Menschen draussen vor der Buchstabentür geistlich verhungern wie der Arme Lazarus vor den Toren des Reichen Mannes. Die Teenager, die gerade mit ihrer erwachenden homosexuellen Orientierung klarkommen müssen, bleiben ohne Beistand, der ihnen Hoffnung auf ein erfülltes Leben machen würde. Die Erwachsenen, die eine Partnerin fürs Leben gefunden haben und nach allen bisherigen Ablehnungserfahrungen von der Kirche trotz allem aus tiefstem Herzen ersehnen, ihre in gegenseitiger Fürsorge und Verantwortung eingegangene Verbindung nun auch auf den Boden der christlichen Versöhnungskraft und unter den Segen Gottes zu stellen, werden einmal mehr von der Kirche enttäuscht. All diese Menschen rennen an und prallen von der druckerschwarzen Türe ab und zerschellen auf dem Pflaster der unmöglich erfüllbaren Gebote. Ihr aber feiert euer Mahl der Einigkeit auf eurer Seite der Mauer. Ihr Und haltet triumphierend die Heilige Schrift hoch und stellt euch ergebenst darunter. Ihr seht nicht die, die draussen sind unter eurem Schirm der Rechtgläubigkeit keinen Platz mehr finden. Euch kümmern die da draussen nicht. Hauptsache eure Kirche bleibt sauber unter ihrer reinen Schrift.

Gesellschaftlicher Mainstream wird nicht hinterfragt

Das ist Unsinn, ein Strohmann-Argument. Weil die Kirche gleichzeitig wie grosse Teile der Gesellschaft eine Wahrheit erkannt hat, meint ihr, die Kirche als Fähnchen im Wind darstellen zu können, das ständig dem Mainstream-Lüftchen hinterherdreht. Damit werdet ihr der Realität nicht gerecht. Geht doch mal auf die Website des SEK und schaut euch um, was es da für kritische und theologisch wohlbegründete Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Themen in den vergangenen Jahrzehnten gab. Richtig ist, dass sich die Kirche mit den Themen der Zeit auseinandersetzt, mit der Lebenswirklichkeit der Menschen, mit der Welt. Diese Welt ist der Ort, an dem und in den hinein die Interpretation der biblischen Schriften geschieht. Natürlich wird diese Welt und alle, die in ihr leben, durch das in der Bibel bezeugte Gericht radikal infrage gestellt. Genauso gilt, dass wir in dieser Welt und in der jetzigen vorletzten Zeit in der Hoffnung leben können, dass die durch Christus errungene Herrschaft des neuen Äons schon zu uns herüberreicht, dass wir getrost und vertrauensvoll unseren Weg im Vorläufigen freudig und zuversichtlich gehen können.

Keine Theologischen Diskussion mehr

Es mag sein, dass es Vertreterinnen und Vertreter der Kirche gibt, die nicht (mehr) über von ihnen längst durchgekaute und wieder- und wiedergekäute Themen diskutieren mögen und mit einer vielleicht vorschnellen Selbstverständlichkeit zur längst fälligen Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare schreiten wollen. Es scheint nötig zu sein, doch noch vertiefter zu debattieren. Ich bin dazu bereit. Ich stelle mich. Ich habe zwar kein kirchenleitendes Amt inne, ich bin nur primus inter pares im Aargauer Pfarrkapitel. Aber ich bin Kollege, ich habe dasselbe Ordinationsgelübde abgelegt wie ihr (zumindest wie die Zürcherinnen und Zürcher unter euch), ich bin Teil derselben Kirchengemeinschaft wie ihr. Also muss gestritten sein. Was ich auch mit diesem Text hier tue.

Auf das Ordinationsgelübde beruft ihr euch explizit, wenn ihr eure Forderungen stellt. Was heisst das nun, liebe Kolleginnen und Kollegen? Was heisst es, dass ich wie ihr dasselbe Gelübde abgelegt habe, dass ich wie ihr nach bestem Wissen und Gewissen meinen Dienst am Wort Gottes aufgrund der Heiligen Schrift und im Geist der Reformation, sowie im Gehorsam gegen Jesus Christus versehe? Ihr beruft euch auf euer Ordinationsgelübde und begründet damit, dass ihr die Beschlüsse eurer Kirchenleitungen gegebenenfalls nicht anerkennen könntet. Ich anerkenne diese Beschlüsse in meiner Treue zum selben Ordinationsgelübde. Bin ich jetzt weniger treu? Bin ich weniger bei der Wahrheit? Bin ich Christus weniger gehorsam? Wie seht ihr mich? Was bedeutet es für euch, dass wir in derselben Kirchengemeinschaft oder gar in derselben Landeskirche dasselbe Amt als Gemeindepfarrer versehen?

Ich muss das in diesen Fragen ausdrücken, weil ich sonst meine Wut nicht im Zaum halten könnte. Weil ich sonst nicht verschweigen könnte, wie sehr mich euer Text verletzt. Weil es so ein Affront ist gegenüber all euren Kolleginnen und Kollegen, die nach ehrlichem Ringen und Durchdringen des Für und Wider zu einem anderen Schluss gekommen sind, als ihr und in Treue zum mehrfachen Liebesgebot Jesu Christi den Segen für gleichgeschlechtlich Liebende zu spenden bereit sind. Ihr beruft euch auf euer Gewissen und werdet euch weigern, jemals selber eine solche Segnung durchzuführen. Aber ihr habt keine Gewissensprobleme, eurer Kirche, die euch Amt und Brot verleiht und euch ausgebildet hat, so respektlos abzukanzeln.

Nun, die Kirche und die Kolleginnen und Kollegen, mich selbst eingeschlossen, werden das überstehen. Mein Heil und vorläufig auch mein Job hängen nicht von eurem Urteil über mich ab. Schlimmer finde ich, was es für die Menschen bedeutet, die eure Verweigerung direkt trifft und darum erst recht tief verletzen muss.

Das christliche Eheverständnis

Ihr versteht die Ehe als Teil, wenn nicht gar als Inbegriff der Schöpfungsordnung. Und ihr beruft euch dabei auf Jesus selbst, der in seiner Antwort an die Pharisäer auf die Frage der Ehescheidung die zwei Genesisstellen zitiert hat. Euch scheint diese Passage entscheidend wichtig zu sein, immerhin stammt der Titel eures Textes von Mt 19. Es geht dort nicht um die Frage der Gleichgeschlechtlichkeit. Es geht um die Unauflöslichkeit der Ehe. Ich frage euch: Wie viele von euch sind geschieden? Keine Angst, ich werde keinen Stein werfen. Er würde mich selbst als erstes treffen.

Man kann gewiss, Mk 10 und Mt 19 folgend, die Ehe im Rahmen der Schöpfungsordnung verstehen. Das ist aber nicht die einzige biblische Ehebegründung. Jesus hat sich dieses eine Mal dazu geäussert, in Kana war er mal an einer Hochzeit eingeladen, ansonsten schien ihm die Ehe kein grosses Thema zu sein. Dass seine Jünger ihre Ehepartner (zumindest zeitweise) verlassen haben, um ihm nachzufolgen, schien kein Problem zu sein. Für Paulus spielte die Ehe eine untergeordnete Rolle. Sie war für ihn eine Art Notlösung, um der Unzucht vorzubeugen. Im Alten Testament gibt es nicht eine einzige real berichtete Ehe, die in einem Zusammenhang mit der Schöpfungsordnung steht. Wenn schon, dann ist der Bund das Modell für die Ehe. Die vom Volk verratene Bundestreue wurde von den Propheten mit der Untreue von Eheleuten verglichen. Die Ehen, die in der Bibel vorkommen, zeugen zudem alle in selbstverständlicher Weise vom patriarchalen damaligen Zeitgeist: Die Frau ist Besitz des Mannes, erst des Vaters, dann des Ehemannes. Das ist der in der Bibel unhinterfragte Mainstream.

Ihr deutet dann auch noch die Ehe (und zwar explizit die zwischen Mann und Frau) auf Christus und seine Kirche. Und dafür habt ihr das volle Gewicht von Eph 5, 31f auf eurer Seite. Die einzige auf dieser Denkgrundlage geschlossene Ehe, von der in der Bibel erzählt wird, ist die in Offb 21 zwischen Christus und Jerusalem. Jerusalem wird dort zwar tatsächlich mit einer geschmückten Braut verglichen, aber das ist eine Metapher. Bei dieser eschatologischen Ehe steht sicher nicht die Weiblichkeit der Stadt (bzw. der Kirche) und die Männlichkeit Christi im Vordergrund. Ich sehe keine Notwendigkeit, gleichgeschlechtlichen Paaren die Gleichnisfähigkeit hinsichtlich der Verbindung von Christus und Kiche abzusprechen. Also ist für mich nicht schlüssig, warum auf der Grundlage von Eph 5 gleichgeschlechtliche Paare von der Ehe ausgeschlossen werden müssten. Es sei denn, man wolle den Teil mit der Unterordnung der Frau unter den Mann aus Eph 5,23f als Begründung anfügen. Denn bei zwei Frauen oder zwei Männern wäre ja dann nicht klar, wer sich wem unterordnen sollte und wer wie Christus das Haupt der Kirche das Haupt des anderen sei. Vielleicht ist tatsächlich das der hauptsächliche Grund eurer Sorge? Nicht die Schöpfungsordnung, sondern die patriarchale hierarchische Ordnung, die durch gleichgeschlechtliche Ehen infrage gestellt werden könnte?

Ein Wort an die Frauen unter euch

Liebe Kolleginnen, die ihr diese Erklärung mitunterzeichnet habt, seid ihr euch bewusst, welche Rolle euch durch die Begründung der Ehe, die ihr anbringt, noch zukommt? Wenn ihr wirklich euer Eheverständnis auf Eph 5 aufbauen wollt, dann solltet ihr konsequenterweise auch die Rolle der Frau entsprechend einnehmen. Wenn ihr die Schrift in dieser strengen Wortwörtlichkeit auslegen wollt, dann solltet ihr auch 1Tim 2, 11-15 beachten und schweigen und Kinder gebären. Ihr seid in einer beinahe erdrückten Minderheit in euren Reihen. Vielleicht gibt es Kollegen bei euch, die tatsächlich insgeheim oder gar offen die Frauenordination infrage stellen. Sie hätten das volle Gewicht von 1Tim 2,11ff, verbunden mit eurer Art, die Bibel auszulegen, auf ihrer Seite. Haben sie auch euch auf ihrer Seite? Oder seid ihr mit Herz und Liebe Pfarrerinnen, die uns Männern in nichts nachstehen und mit vollkommen gleichwertiger Vollmacht dem Wort Gottes in den Gemeinden dienen? Dann sage ich: Gut so. Dann habt doch auch Eier und sagt, dass 1Tim 2, 11ff falsch ist.

Der gefallene Zustand der gesamten Schöpfung

Diesen Abschnitt habt ihr als Teil eures «Christlichen Eheverständnisses» eingefügt, was ich nicht ganz verstehe. Ich gehe hier gesondert darauf ein.

Und ich muss wieder mit aller Kraft meinen Zorn im Zaum halten. Ihr schreibt, dass das Christenleben immer ein Leben in der Spannung zwischen der eigenen Gebrochenheit und dem Hören auf das Wort Gottes sei. Als solches umfasse es nicht nur Erfüllung und Glück, sondern auch Anfechtung und Verzicht. Ich frage euch: Worin genau besteht die Anfechtung, worin der Verzicht? Und wer bestimmt, worauf verzichtet werden soll? Glaubt ihr tatsächlich zu wissen, dass aufgrund der Gefallenheit der Schöpfung gleichgeschlechtlich liebende Menschen auf das Ausleben ihrer Liebe verzichten müssen, und dass ihr diejenigen seid, die jenen und dem Rest der Welt dies zu sagen bevollmächtigt seid? Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich sage euch: Ihr alle seid – wenn schon – mit ein Teil dieser gefallenen Welt. Euer Verstand ist ein gefallener Verstand, euer Herz ist ein gefallenes Herz, euer Urteilsvermögen ist ein gefallenes Urteilsvermögen. Wie könnt ihr so sicher sein, dass eure wie auch immer gewonnene Überzeugung auch wirklich die einzig wahre und für alle gültige ist? Wie könnt ihr wissen, worauf eure Mitmenschen zu verzichten haben? Wie könnt ihr euch zum Gericht darüber erheben, dass heterosexuell Liebenden Erfüllung und Glück und Segen (!) zukommen kann und den Homosexuellen nur Anfechtung und Verzicht bleiben?

Segnen ohne Segenszusage Gottes ist Missbrauch seines Namens

Das Schreibt ihr. Und droht mit der Strafe Gottes. Ihr verdreht die Frohbotschaft in eine Drohbotschaft. Buchstäblich. Statt Segen Strafe. Ich kann es nicht glauben. Ich kann nicht glauben, dass weit über 100 gescheite, studierte Theologinnen und Theologen allen Ernstes so ein verdrehtes Konzept von Segen teilen. Sprecht ihr den Segen im Gottesdienst? Dafür gibt es aber keine Zusage Gottes. Nur der Hohepriester, angetan mit Priestergewand und Ephod, hat die Vollmacht zu segnen. Jedes Segnen eines kranken oder sterbenden Menschen – denn Krankheit und Tod sind ja Ausdruck der Gefallenheit der Welt und also kann man nicht von deren Vorhandensein auf den dahinterliegenden Willen Gottes schliessen – ist Missbrauch des Wortes Gottes. Jeder Segen, ja überhaupt jede Bemühung um Trost für eine Trauergemeinde ist Missbrauch des Wortes Gottes, denn Jesus hat ja gesagt, die Toten sollen ihre Toten begraben. Ihr findet, dass ich eure Worte bösartig verdrehe? Nun, es fällt mir dummerweise sehr, sehr leicht, in der von euch hier angewendeten Logik weiterzudenken und solche absurden Beispiele zu finden. Absurd, ja. Genauso absurd wie euer Argument.

Das Wächteramt

Die Kirche sei dazu aufgefordert, nach Frieden mit jedermann zu streben, schreibt ihr. Zugegeben, dieses mein Schreiben hier ist nicht gerade ein Friedensangebot. Euer Text aber auch nicht. Bevor Friede einkehren kann, muss gestritten sein. Aber euch geht es dabei ja auch gar nicht um den innerkirchlichen Frieden in der Frage der Ehe für alle, sondern um den Frieden in Staat und Gesellschaft. Und der habe auch Grenzen, sagt ihr, nämlich soll die Kirche ihr Wächteramt wahrnehmen, ja, sie stehe «in der Pflicht», gesellschaftliche Entwicklungen «im Licht der Schrift zu prüfen». Ich verstehe euch richtig, dass ihr meint, die Kirche solle sich gegen die zivilrechtliche Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zur Wehr setzen, da solches nicht der Schrift entspreche? Wenn das so ist, dann frage ich: Ist es nicht etwas viel Protest gegen etwas, das niemandem etwas wegnimmt oder schadet, und das in der Bibel ein Randthema streift (ihr kennt die etwa 3 Stellen, die einigermassen explizit etwas gegen den gleichgeschlechtlichen Geschlechtsakt sagen)?

Fazit

Ihr habt (wenn ihr denn tatsächlich habt: Chapeau!) meinen langen Text bis hierher gelesen. Es ist mein derzeitiger Beitrag zu einem offenen Diskurs zum Thema Ehe für alle. Ich erwarte nicht, dass dieser Beitrag euch umstimmen wird. Ich erwarte nicht, dass ihr jemals ein gleichgeschlechtliches Paar trauen werdet. Wenn doch die eine oder der andere von euch sich eines Tages aufgrund einer konkreten Anfrage dazu durchringen mag, umso schöner. Die Zukunft ist ein offenes Land. Wir werden aber nicht darum herumkommen, sehr bald über unser gemeinsames Kirchesein zu verhandeln. Ich sehe mich konfrontiert mit weit über 100 Kolleginnen und Kollegen, die unverhüllt mir und dem Grossteil meiner Kolleginnen und Kollegen das Christsein und die Treue zur Schrift absprechen. Wie könnt ihr mit mir zusammen im selben Boot sitzen? Wollt ihr das überhaupt noch? Gerne erwarte ich bald eine glaubwürdige Antwort von euch.

Matthijs van Zwieten de Blom
Pfarrer in Rein (AG)